Immer älter – aber früher raus?
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat gefordert, die Lebensarbeitszeit zu verlängern. Dafür ist sie von vielen Seiten kritisiert worden. Dabei zeigt die demografische Entwicklung: Ohne eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit gerät unser Rentensystem langfristig aus dem Gleichgewicht.
Prinzipiell sind es gute Nachrichten: In Deutschland steigt die Lebenserwartung, Rentnerinnen und Rentner können ihren Ruhestand immer länger genießen. Lag die durchschnittliche Rentenbezugsdauer in den 1960er-Jahren noch bei rund zehn Jahren, ist sie inzwischen auf das Doppelte angewachsen. Laut der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wird sich die fernere Lebenserwartung 65-Jähriger bis 2070 um weitere vier Jahre erhöhen.
Regelaltersgrenze steigt auf 67 Jahre
Diese Entwicklung ist eine Herausforderung für unser umlagefinanziertes Rentensystem. Die Politik hat dies in den 2000er Jahren erkannt. 2007 beschloss der Deutsche Bundestag, die Regelaltersgrenze bis 2031 schrittweise auf 67 Jahre zu erhöhen. Diese Weitsichtigkeit muss die Politik jetzt wieder beweisen, denn Deutschland steht vor der größten Alterung seiner Geschichte.
Schon bald gehen die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre in Rente. Gegen Ende der 1960er Jahre sank die Geburtenrate und pendelte sich auf einem deutlich niedrigeren Niveau ein. Laut Statistischem Bundesamt kamen im Jahr 2021 auf eine Person im Rentenalter ca. 1,6 Personen im Erwerbsalter. Diese Zahl sinkt: Bis zum Jahr 2038 werden nur noch ca. 1,3 Erwerbstätige auf eine Person im Rentenalter kommen.
Immer weniger Beschäftigte zahlen ein
Immer weniger Beschäftigte müssen also für immer mehr Rentnerinnen und Rentner sorgen. Das zeigt den dringenden Handlungsbedarf. Wir müssen erneut – und rechtzeitig vor 2031 – über eine weitere Anhebung der Regelaltersgrenze diskutieren.
Zudem muss die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte, die sogenannte „Rente ab 63“, abgeschafft werden. Diese Regelung ermöglicht es gerade jenen, die sich gesund und leistungsfähig fühlen, frühzeitig in den Ruhestand zu gehen – obwohl sie weiterhin ihren Beitrag in der Arbeitswelt leisten könnten.
Auch Kritiker dieser Forderungen erkennen vielfach, dass wir mehr und länger arbeiten müssen. Doch die Politik schreckt aus nachvollziehbaren Gründen davor zurück, die Regelaltersgrenze heraufzusetzen und die abschlagsfreie Frühverrentung abzuschaffen. Stattdessen sollen finanzielle Anreize die Weiterarbeit im Alter fördern („Aktivrente“). Dabei ist es widersinnig, sowohl das frühzeitige Ausscheiden aus dem Arbeitsleben als auch das Weiterarbeiten im Alter zu fördern. Die aktuelle Politik setzt widersprüchliche Signale: Einerseits erleichtert sie die Frühverrentung, andererseits möchte sie ältere Menschen länger im Erwerbsleben halten.
Längere Lebensarbeitszeit für ein stabileres Rentensystem
Glücklicherweise steigt die Lebenserwartung. Alle Rentnerinnen und Rentner sollen ihren wohlverdienten Ruhestand genießen können. Das geht aber nur, wenn wir die Rentenversicherung nachhaltig stabil halten. Deshalb brauchen wir etwas anderes: Eine wirksame Reform zur Verlängerung der Lebensarbeitszeit.